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	<title>Alexander Jossifidis &#187; Juden</title>
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		<title>Mühlberger Shanghai</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 12:59:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
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		<description><![CDATA[Kasten Shanghai war bereits im 19. Jahrhundert ein weltweit bedeutendes Handelszentrum. Großmächte bestimmten die Geschicke der Stadt und schon bald beherrschten sie ganze Stadtviertel direkt. Sie nannten diese exterritorialen Bezirke International Settlement und Concession francaise. Im November 1937 endete mit &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=133">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Kasten</strong></p>
<p>Shanghai war bereits im 19. Jahrhundert ein weltweit bedeutendes Handelszentrum. Großmächte bestimmten die Geschicke der Stadt und schon bald beherrschten sie ganze Stadtviertel direkt. Sie nannten diese exterritorialen Bezirke <em>International Settlement </em>und <em>Concession francaise. </em>Im November 1937 endete mit der Eroberung durch japanische Truppen endgültig die chinesische Souveränität über Shanghai.<span id="more-133"></span></p>
<p>Gleichzeitig gerieten am anderen Ende der Welt jüdische Deutsche und Österreicher durch den nationalsozialistischen Terror in ihrer Heimat in zunehmende Bedrängnis. Auswanderungspläne reiften, doch die Zahl aufnahmewilliger Staaten blieb gering. Das von Kolonialmächten verwaltete Shanghai bot mit seinen liberalen Einreisebestimmungen eine Ausnahme.</p>
<p>Circa 18.000 Verzweifelte emigrierten vor diesem Hintergrund in die Stadt am Huangpu. Sie erreichten sie zumeist auf dem Schiffsweg.</p>
<p>Das Gros der Neuankömmlinge fand im nördlichen Innenstadtbezirk Hongkou eine neue Bleibe. Hier gab es schon bald deutschsprachige Geschäfte und wer wollte, konnte in einem deutschsprachigen Kaffeehaus die von Exilanten herausgegebene Zeitschrift <em>Gelbe Post</em> oder die <em>Shanghaier Zeitung am Mittag</em> lesen.</p>
<p>Während des Zweiten Weltkrieges eroberten japanische Militärs das gesamte Stadtgebiet. Japan war Verbündeter des Dritten Reiches und begann als solcher ein Ghetto für jüdische Flüchtlinge einzurichten. Den 2 ½ qm festgelegten Bezirk in Hongkou (Designated Area) durften die so genannten <em>Shanghailänder</em> fortan nur in Ausnahmefällen verlassen, einen Massenmord mussten sie hingegen nicht fürchten.</p>
<p><strong>Kasten</strong></p>
<p>Sonja Mühlberger geb. Krips lebt als pensionierte Lehrerin in Berlin. Sie schrieb zahlreiche Artikel, ein eigenes Buch und ist als Mitherausgeberin des Buches „Exil Shanghai“ bekannt. Sie besucht regelmäßig Schulen und Organisationen, um von den Erfahrungen ihrer Eltern in Nazi-Deutschland und ihren eigenen im fernen Shanghai zu berichten. Auch am Holocaust-Gedenktag wird sie wieder an einer Schule vom Schicksal ihrer Familie erzählen.</p>
<p><strong>Mein erster Vorname war Baby</strong></p>
<p>Ihre Eltern flohen vor den Nazis und kehrten nach Kriegsende zurück, um an einem demokratischen Neuanfang in Deutschland teilzuhaben. Sonja Mühlberger ist es ein Anliegen als Zeitzeugin ihre Geschichte zu erzählen. Sie beginnt in Frankfurt am Main, führt ins Reich der Mitte und endet in Berlin.</p>
<p>Frage: Frau Mühlberger, Sie wurden im Oktober 1939 in Shanghai geboren. Wie kamen ihre Eltern dazu, vor den Nazis in das weit entfernte China zu flüchten?</p>
<p>Mühlberger: Zunächst dachten meine Eltern überhaupt nicht an die Flucht. Mein Vater sagte damals, dass er den Hitler in Deutschland überleben wolle. Meine Eltern wohnten als junges Paar in Frankfurt am Main. Eine Woche nach der Pogromnacht, die vom 9. auf den 10. November 1938 stattfand, drangen Nazis auch in ihre Wohnung ein. Es war vier Uhr morgens. Die Männer verwüsteten und klauten und belästigten meine Mutter. Sie nahmen meinen Vater mit. Er wurde ins KZ Dachau gebracht. Meine Mutter wusste zunächst nichts über seinen Aufenthaltsort. Täglich radelte sie zur jüdischen Gemeinde, in der Hoffnung, Informationen zu erhalten. Dabei erfuhr sie von den Möglichkeiten einer Ausreise nach Shanghai.</p>
<p>Frage: Waren ihre Eltern gläubige Juden und in der jüdischen Gemeinde aktiv?</p>
<p>Mühlberger: Nein und ich bin es übrigens auch nicht. Die Familien meiner Eltern bestanden aus assimilierten Juden. Und auch ich verstehe mich als Jüdin einfach nur wegen meiner Abstammung, ohne das jüdisch sein groß zu betonen. Doch damals wurde man auf die jüdische Rolle reduziert. So war mein Vater Fußballer bei Eintracht Frankfurt. Als Jude musste er den Verein verlassen und sich einem jüdischen Verein, dem Verein Schild, anschließen.</p>
<p>Frage: Wie ging es nach seiner Entlassung aus dem KZ weiter?</p>
<p>Mühlberger: Ein chinesisches Konsulat, das für eine Einreise nach Shanghai zuständig war, befand sich in Amsterdam. Zum Glück hatten wir dort einen Cousin, der meinen Eltern die nötigen Papiere zuschickte. Er starb später in einem KZ. Das Problem war weniger die Einreise nach Shanghai, als vielmehr die Ausreise aus Deutschland. Sie war mit einem großen bürokratischen Aufwand verbunden. Eine ganze Reihe an Bescheinigungen mussten der zuständigen Behörde vorgelegt werden: dass man schuldenfrei sei oder vom Wehrdienst befreit. Aber immerhin war das Ausreisen noch möglich und von staatlichen Stellen gewollt. Aus der ostwestfälischen Heimat meiner Mutter kenne ich Geschichten, dass die Nazis mit dem zurückgelassenen Gut der emigrierten Juden Geld machten, zum Beispiel mittels Versteigerungen.</p>
<p>Frage: Mit den nötigen Papieren ging es dann in Richtung Shanghai. Welchen Weg wählten ihre Eltern, um nach China zu kommen?</p>
<p>Mühlberger: Die Stadt Genua besaß einen der Häfen, der für die Ausreise infrage kam. Zuvor machten meine Eltern noch in München halt, um bei Verwandten an einer Hochzeit teilzunehmen. Die Hochzeitsgesellschaft sollte später im Holocaust sterben, unter anderen ein zweijähriger Junge. Meine Eltern kamen also nach langer Fahrt in Genua an. Mit wenig Geld in den Taschen und daher keiner Übernachtungsmöglichkeit. Bis eine Prostituierte meinen Vater ansprach. Als sie bemerkte, dass er mit seiner Frau unterwegs war, ließ sie beide bei sich übernachten – ohne am nächsten Tag das wenige Geld meiner Eltern einzufordern.</p>
<p>Frage: Mit der Unterstützung von Hilfsorganisationen machten sich ihre Eltern dann auf den Weg in ein neues Leben. Wie sahen die ersten Schritte in Asien aus?</p>
<p>Mühlberger: Die fast vier Wochen währende Fahrt haben meine Eltern nach den ganzen Strapazen und Erniedrigungen genießen können. Es ging über Colombo und Hongkong nach Shanghai. Dort hatten Hilfsorganisationen sechs Heime für die Neuankömmlinge eingerichtet. Es waren ehemalige Schulen oder Kasernen. In großen Gemeinschaftsräumen mussten die Menschen leben. Das Hab und Gut wurde unter dem Bett verstaut, eine Privatsphäre gab es nicht. Da meine Mutter mit mir schwanger war, wurde ihr zumindest unter einer Treppe ein kleines Separee errichtet, das mit einem Laken abgetrennt werden konnte.</p>
<p>Frage: In Shanghai gab es auch nicht-jüdische Deutsche, zum Beispiel Kaufleute, Diplomaten und selbst die NSDAP war mit einer Ortsgruppe vertreten. Wie ist man diesen Menschen begegnet?</p>
<p>Mühlberger: Man ist ihnen primär aus dem Weg gegangen. Doch mit einer deutschen Stelle hatten meine Eltern auch in Shanghai zu tun. Nach meiner Geburt musste das deutsche Generalkonsulat aufgesucht werden, um mich registrieren zu lassen. Ab dem 18. August 1938 durften neugeborene jüdische Kinder nur die in einer Liste vorgeschriebenen Vornamen tragen; Erwachsene erhielten einen Zwangsvornamen. Als Jude in Deutschland durfte man ja nur jüdische Namen tragen. Meiner Mutter Ilse wurde so nachträglich noch der Name Sara in den Ausweis gedruckt. Mein Vater wollte für mich den Namen Sonja eintragen lassen, der nicht in besagter Liste stand, weshalb die Beamten dies ablehnten. Da mein Vater aber auf diesem Namen bestand, steht als mein erster Eintrag in ein öffentliches Dokument bei der Rubrik Vorname lediglich das Wort Baby. Offiziell hieß ich also erst einmal Baby Krips.</p>
<p>Frage: Ihr Vater war Kaufmann und ihre Mutter Schneiderin. Wie hielten sie sich in Shanghai beruflich über Wasser?</p>
<p>Mühlberger: Mein Vater hatte verschiedene Jobs, so kontrollierte und transportierte er zum Beispiel für einen Chinesen Eier. Meine Mutter nähte wiederum. Als wir uns mit dem ersten verdienten Geld eine Unterkunft leisten konnten, war einer unserer Nachbarn übrigens der Komponist Leopold Maass, der zuvor für Karstadt in Berlin Werbetexte geschrieben hatte. Nun schrieb er für mich Kinderverse und Kinderlieder. Da ich nichts anderes im Leben kannte, war das für mich eine ganz normale Zeit.</p>
<p>Frage: Das änderte sich aber sicherlich, als japanische Soldaten während des Weltkrieges ganz Shanghai unter ihre Kontrolle brachten und ein jüdisches Ghetto errichteten.</p>
<p>Mühlberger: Ich hatte tatsächlich Angst vor den japanischen Soldaten. Ich kannte aber auch Kinder, die keine Furcht vor den Japanern hatten und mit japanischen Kindern spielten.</p>
<p>Frage: Gab es auch Kontakte zu chinesischen Kindern?</p>
<p>Mühlberger: In den beengten Verhältnissen des Ghettos lebten mehr Chinesen als Deutsche und trotzdem kam es nur selten zu einem längeren Austausch. Ich kann mich dennoch ganz gut erinnern, wie mich chinesische Kinder in eine kleine Luftballonfabrik mitnahmen.</p>
<p>Frage: Sprachen sie Chinesisch?</p>
<p>Mühlberger: Leider nein und ich kann es heute auch noch nicht. Dagegen konnte mein Vater sehr gut Chinesisch sprechen, allerdings nur den Shanghaier Dialekt.</p>
<p>Frage: Nach dem Krieg stellte sich für die Menschen die Frage nach dem wohin. Die wenigsten entschieden sich verständlicherweise für Deutschland. Warum aber ihre Familie?</p>
<p>Mühlberger: Mein Vater wollte unbedingt ein demokratisches Deutschland mit aufbauen helfen. Für die sowjetisch besetzte Zone bzw. den Sektor bestanden zudem keine Einreisebeschränkungen und so landeten wir zunächst einmal in Falkensee bei Berlin. Vielfach wird daher vermutet, dass die nach Deutschland zurückgekehrten Juden allesamt Kommunisten gewesen seien. Das stimmt natürlich nicht. Mein Vater war zum Beispiel nicht in der KPD. Viele Ältere konnten sich einfach kein Leben in der Fremde vorstellen. Mit einer fremden Kultur und Sprache. Sie wollten nach ihrer Odyssee einfach nur nach Hause. Und dann gab es ja auch solche Menschen, die keine Verwandten irgendwo im Ausland hatten und die Einreise in die USA oder nach Australien war beispielsweise primär körperlich gesunden Menschen erlaubt.</p>
<p>Frage: Nach Frankfurt am Main wollte die Familie nicht mehr zurück?</p>
<p>Mühlberger: Erst einmal war die Stadt stark zerbombt, der Wohnraum also knapp und dann wollte mein Vater nicht den alten Nazis über den Weg laufen.</p>
<p>Frage: Was war ihr erstes Gefühl, als sie wieder deutschen Boden betraten?</p>
<p>Mühlberger: Wir sind mit dem Schiff nach Neapel gebracht worden und dann mit dem Zug nach Deutschland. In Bayern liefen zwei Kinder neben dem Zug her und riefen sich etwas zu. Das erste was ich dachte war: Ach ja, hier sprechen die Menschen ja auch deutsch.</p>
<p>Frage: Gibt es heute noch Kontakt zu den deutschen Shanghailändern?</p>
<p>Mühlberger: Oh ja, die gibt es. In Deutschland sind es von den ehemals 500 bis 600 Menschen keine 25 Personen mehr. 13 von ihnen wohnen übrigens hier in Berlin.</p>
<p>Abschließende Frage: Waren sie mittlerweile wieder in ihrer Geburtsstadt?</p>
<p>Mühlberger: Ja, schon mehrmals. Das erste Mal 1998 und jetzt im April 2010 das fünfte Mal. Ich bin Shanghai letztlich sehr dankbar. Denn wer weiß, ob ich ohne den Fluchtort Shanghai den Holocaust überlebt hätte.</p>
<p>Berlin, den 14. Januar 2011 / Erschienen in &#8222;die kirche XX&#8220;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>„Wir können nicht nur Toleranz einfordern, wir müssen sie auch leben“</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 12:44:41 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die Fußballmannschaft von Makkabi Berlin geht ihrem Tagesgeschäft in der Verbandsliga nach. Bei Heimspielen verirren sich nur wenige Enthusiasten im weiten Rund der Julius-Hirsch-Sportanlage. Dennoch ist Makkabi Fußballkennern ein Begriff. Ein Interview mit dem Vorsitzenden Tuvia Schlesinger über die wichtigste &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=127">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;" align="center"><strong>Die Fußballmannschaft von Makkabi Berlin geht ihrem Tagesgeschäft in der Verbandsliga nach. Bei Heimspielen verirren sich nur wenige Enthusiasten im weiten Rund der Julius-Hirsch-Sportanlage. Dennoch ist Makkabi Fußballkennern ein Begriff. Ein Interview mit dem Vorsitzenden Tuvia Schlesinger über die wichtigste Nebensache der Welt<a href="http://www.jossifidis.de/?attachment_id=220" rel="attachment wp-att-220"><img class="alignright size-medium wp-image-220" title="Makkabi Berlin" src="http://www.jossifidis.de/wp-content/uploads/2012/02/Makkabi-Berlin-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></strong> <span id="more-127"></span></p>
<p>JZ: Herr Schlesinger, bevor wir über Fußball reden, eine Frage: Sie wurden in Haifa geboren und sind 1959 im Alter von sieben Jahren nach Berlin gekommen. Was verschlug Ihre Familie zu dieser Zeit ausgerechnet nach Berlin?</p>
<p>Schlesinger: Meine Mutter kam aus Berlin. Sie hatte meinen Vater, dessen Familie wiederum aus Wien stammte und vollkommen ausgelöscht wurde, in Israel kennen gelernt. Insofern war Berlin für unsere Familie auch Heimatstadt.</p>
<p>JZ: Und Sie gehörten 1970 bei der Vereinsgründung von Makkabi Berlin zu den ersten Spielern und Mitgliedern. Wer bildete die Gründergeneration?</p>
<p>Schlesinger: Zunächst einmal muss man sagen, dass der Verein wieder gegründet wurde. Er sieht sich in der Tradition eines jüdischen Klubs, den es in der Stadt bereits vor dem Krieg gab. Die Vereinsgründer waren zumeist ältere Menschen, die nach dem Krieg nach Berlin zurückkehrten. Sie wollten mit Hilfe des Sports eine Brücke der Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden schlagen.</p>
<p>JZ: Wie wurde die Vereinsgründung damals in der Öffentlichkeit diskutiert?</p>
<p>Schlesinger: Eher neutral, wenn überhaupt. Wir spielten in den untersten Ligen und waren dort eine von vielen Mannschaften. Natürlich haben einige Politiker positiv reagiert: Berlin hatte wieder einen jüdischen Verein. Vor dem Krieg existierten zirka ein Dutzend jüdischer Sportvereine in der Stadt.</p>
<p>JZ: Makkabis Bekanntheit wuchs in den folgenden Jahren. Wie sieht die aktuelle Mitgliederzahl aus und welche Sportabteilung dominiert?</p>
<p>Schlesinger: Da Fußball mit Abstand die beliebteste Sportart in Deutschland ist, haben wir natürlich auch hier unsere größte Abteilung. Insgesamt zählt unser Verein zwischen 480 und 500 Mitglieder.</p>
<p>JZ: Makkabis Herrenmannschaft spielt in der Verbandsliga. Welche langfristigen sportlichen Ziele halten Sie für realistisch?</p>
<p>Schlesinger: Zu Beginn der Saison war das Ziel ein einstelliger Tabellenplatz. Den haben wir nun sicher. Natürlich möchte man in einem nächsten Schritt um den Aufstieg mitspielen. Allerdings fragen wir uns, ob ein Aufstieg in die Oberliga vor dem Hintergrund der negativen Ereignisse der letzten Wochen wirklich wünschenswert wäre.</p>
<p>JZ: Sie sprechen die Vorfälle mit antisemitischen Parolen während mehrerer Fußballspiele an. In vorangegangenen Interviews bemerkten sie ein Ansteigen antisemitischer Entgleisungen bei Auswärtsspielen. Wie macht sich das bemerkbar? Immerhin, Borussenfront und ähnliche Vereinigungen waren bereits ein Phänomen der 80er Jahre.</p>
<p>Schlesinger: Da gebe ich Ihnen Recht. Doch früher war alles eher unterschwellig. Man hat sein antisemitisches Gedankengut in der Regel nicht in die Öffentlichkeit getragen. Heute ist es durch politische und gesellschaftliche Entwicklungen jedoch wieder gang und gäbe. Eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung hierzu besagt beispielsweise, dass zirka 25 Prozent der Deutschen antisemitische Ansichten vertreten. Wenn man diese Zahlen kennt und seine Erfahrungen in der jüngsten Vergangenheit gemacht hat, dann fragt man sich natürlich, ob es wünschenswert ist, die eigene Mannschaft zu Oberliga-Auswärtsfahrten in Regionen außerhalb von Berlin zu schicken.</p>
<p>JZ: Makkabi wird in der Öffentlichkeit als jüdischer Verein wahrgenommen. Doch wie viele Spieler in der Fußball-Herrenmannschaft gehören überhaupt noch zur jüdischen Glaubensgemeinschaft?</p>
<p>Schlesinger: In unserer Jugendabteilung sind sehr viele Kicker jüdischen Glaubens. Bei unserer zweiten Herrenmannschaft sind es so zwischen 60 und 70 Prozent. Nur bei unserer in der Verbandsliga spielenden Mannschaft sind es gerade einmal zwei Spieler. Dennoch müssen sich die Spieler Pöbeleien wie „Scheiß Jude“ gefallen lassen. Die einen wollen da nicht mehr mit machen, die anderen identifizieren sich dadurch eher noch mehr mit dem Verein.</p>
<p>Der Grund für die wenigen jüdischen Spieler im Verbandsligateam geht damit einher, dass hier leistungsbezogen gearbeitet wird. Man trifft sich in kurzen Abständen, um hart zu trainieren. Folglich ist das kein entspannter Hobbyfußball mehr und das schreckt natürlich viele aus dem Nachwuchs ab.</p>
<p>JZ: Makkabis Fußballmannschaft zählt in dieser Saison zu den Spitzenteams der Liga. Dennoch hält sich das Zuschauerinteresse in Grenzen. Beim Spitzenspiel gegen die Reinickendorfer Füchse sah man im heimischen Stadion beispielsweise mehr Auswärtsfans. Woran könnte das liegen?</p>
<p>Schlesinger: Wir sind einfach zu schnell gewachsen, hatten zu schnell Erfolg. Es fehlt an vielen Dingen. Sehen Sie sich die Infrastruktur an: Wir haben keinen Stadionsprecher. Keine Musik während der Pause. Alles Dinge, die einen Besuch ein wenig komfortabler gestalten. Ferner können wir noch mehr für uns werben.</p>
<p>JZ: Zum Fußball gehören Rivalitäten und Freundschaften zu anderen Teams. Wie sieht es da bei Makkabi aus?</p>
<p>Schlesinger: In der Verbandsliga sind alle Mannschaften Konkurrenten. Doch da wir gute Kontakte zum Berliner SC haben, hoffe ich, dass er die Klasse wird halten können. In der Oberliga haben wir wiederum ein gutes Verhältnis zu Türkiyemspor.</p>
<p>JZ: Türkiyemspor und Makkabi haben sich in der Vergangenheit auch bei Veranstaltungen engagiert, die sich gegen Homophobie im Sport wenden. Stichwort respect gaymes. Wie kam es dazu?</p>
<p>Schlesinger: Wir können nicht immer nur Toleranz von anderen einfordern, wir müssen sie auch leben. Daher haben wir uns selbstverständlich gerne bei der Initiative gegen Homophobie im Sport beteiligt.</p>
<p>JZ: Makkabi folgt zionistischen Idealen…</p>
<p>Schlesinger: …Das hört sich so nach Imperialismus an. Tatsächlich hat beispielsweise Jerusalem in unseren Gebeten eine zentrale Bedeutung. Und dann möchte ich an die Verfolgungen der Vergangenheit erinnern. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass es da einen Staat gibt, den man bei Gefahr immer aufsuchen kann.</p>
<p>JZ: Abschließend zwei Fragen: Welcher höherklassigen Vereinsmannschaft drücken Sie die Daumen und wer wird Europameister?</p>
<p>Schlesinger: Meine Sympathien gehören den Bayern und im europäischen Fußball zusätzlich auch Real Madrid. Und wer Europameister wird? Schwierig zu sagen, aber ich hoffe auf Deutschland.</p>
<p>JZ: Herr Schlesinger, vielen Dank für das Gespräch.</p>
<p style="text-align: left;" align="center"> <strong>Zur Person:</strong></p>
<p style="text-align: left;" align="center"><strong>Tuvia Schlesinger arbeitet als Polizeibeamter im gehobenen Dienst. Seit 1970 ist er Makkabi-Mitglied. Er war zunächst als Fußballer im Verein aktiv, später in der Funktion eines Vorstandsmitglieds und ist heute Vorsitzender des Vereins. Berlin, den 15.03.2008 / Nicht veröffentlicht </strong></p>
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		<title>Jüdisches Leben in Friedrichshain und Kreuzberg</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 12:38:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor wenigen Wochen wagte die tageszeitung den so genannten Kippa-Test. Sie schickte einen Mitarbeiter mit dieser jüdischen Kopfbedeckung durch Neukölln und Lichtenberg. Die weitaus meisten Passantinnen und Passanten zeigten sich bei der Begegnung mit einem vermeintlich jüdischen Spaziergänger überrascht. Dabei &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=122">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Vor wenigen Wochen wagte die tageszeitung den so genannten Kippa-Test. Sie schickte einen Mitarbeiter mit dieser jüdischen Kopfbedeckung durch Neukölln und Lichtenberg. Die weitaus meisten Passantinnen und Passanten zeigten sich bei der Begegnung mit einem vermeintlich jüdischen Spaziergänger überrascht. Dabei gehörten Kippa-Träger bis in die 30er Jahren hinein zum Straßenbild Berlins. Eine Spurensuche in Friedrichshain und Kreuzberg.<span id="more-122"></span></p>
<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts flohen Tausende Menschen jüdischen Glaubens vor Pogromen aus Osteuropa nach Berlin. Ihr eigentliches Ziel hieß zumeist New York, die Reichshauptstadt sollte Zwischenstation sein. Die Mehrzahl dieser Flüchtlinge kam am Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof, an. Hier boten billige Absteigen und Mietwohnungen eine erste Anlaufstation. Sie sorgten für die Konzentration jüdischen Lebens rund um den Bahnhof. Im Jahre 1925 zählte Friedrichshain circa 8000 Einwohner mosaischen Glaubens. Neben denen, die in zumeist ärmlichen Verhältnissen lebten, gab es jedoch auch solche, die eine kleine jüdische Mittelschicht bildeten. Diese besaß in der Warschauer Straße und in der Großen Frankfurter Straße, der heutigen Karl-Marx-Allee, Arztpraxen und Kaufläden.</p>
<p>Obwohl fünf Prozent der Berliner Juden in Friedrichshain gemeldet waren, gab es für sie mit der privaten Lippmann-Tauß-Synagoge lediglich ein kleines Gebetshaus, dessen feierliche Einweihung im Jahre 1893 stattgefunden hatte. Es lag in der heute nicht mehr existierenden Gollnowstraße – unweit der Mollstraße.</p>
<p>Wie sah es in Kreuzberg aus? Trotz lokaler Konzentration war die jüdische Einwohnerzahl mit circa 6000 Personen überraschend gering. Die aus Osteuropa geflüchteten Menschen jüdischen Glaubens fanden zumeist entlang der proletarisch geprägten Skalitzer Straße eine neue Bleibe. Hier eröffneten sie zahlreiche Gebrauchtkleidergeschäfte.</p>
<p>Einen gehobenen Lebensstandard präsentierten dagegen die jüdischen Ärzte und Kaufleute in der Oranienstraße. Dieser Kurfürstendamm des Ostens wies einen Straßenabschnitt auf, der primär von Schuhgeschäften im jüdischen Besitz [z.B. dem Schuhgeschäft Leiser] geprägt wurde. Die in der Umgebung aufgewachsenen Gebrüder Wertheim eröffneten wiederum am Moritzplatz ein imposantes Kaufhaus.</p>
<p>Religiösen Anlaufpunkt bot zunächst eine kleine Synagoge in der Prinzenstraße 71, der späteren Hausnummer 86. Aufgrund des Anwachsens der jüdischen Gemeinde beschlossen Mitglieder den Bau eines größeren Gotteshauses. Es wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Molkereibetriebes in der Dresdner Straße errichtet. Heute befindet sich dort ein an das Kino Babylon grenzender Spielplatz. Doch nach wenigen Jahren war auch diese Synagoge zu klein, weshalb bereits im Jahre 1916 ein repräsentatives und mit 2000 Sitzplätzen ausgestattetes Gebäude an das Kottbusser Ufer, das heutige Fraenkelufer, gesetzt wurde. Es war Treffpunkt der orthodoxen Juden, während die liberalen Glaubensgenossen in der Lindenstraße, der späteren Axel-Springer-Straße, zum Gebet zusammenfanden.</p>
<p>Obwohl sich das jüdische Leben äußerst facettenreich darstellte und es Zionisten wie Deutschnationale, Kommunisten wie Orthodoxe gab, konstruierten die Nationalsozialisten <em>den Juden</em>. Einmal an der Macht, töteten sie in ihrem Judenhass 2738 Friedrichshainer und circa 1300 Kreuzberger Bürgerinnen und Bürger.</p>
<p>Infolge der nationalsozialistischen Politik verloren beide Bezirke ihr jüdisches Gesicht. Bei einem Spaziergang weisen jedoch noch heute zahlreiche Spuren auf diese Glaubensgemeinschaft hin. Insofern muss sich niemand wundern, einem Kippa-Träger zu begegnen.</p>
<p>Berlin, den 15. April 2007 / Erschienen im Stachel am 29. April 2007 www.frieke.de/stachel/497134.html</p>
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		<title>Letzte Zuflucht Shanghai</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 12:37:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Am Anfang erinnert ein Stolperstein. Einer jener zehn mal zehn Zentimeter kleinen, aus Beton gegossenen Quader mit eingelassener Messingplatte. Er fällt vor einem tristen Altbau in der Kreuzberger Oranienstraße auf. Die eingestanzte Information erzählt vom Exil nach Shanghai, welches die &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=78">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Am Anfang erinnert ein Stolperstein. Einer jener zehn mal zehn Zentimeter kleinen, aus Beton gegossenen Quader mit eingelassener Messingplatte. Er fällt vor einem tristen Altbau in der Kreuzberger Oranienstraße auf. Die eingestanzte Information erzählt vom Exil nach Shanghai, welches die vormaligen Hausbewohner während der nationalsozialistischen Diktatur antreten mussten. Warum ausgerechnet Shanghai? <span id="more-78"></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Shanghai hatte sich im 19. Jahrhundert zu einem weltweit bedeutenden Handelszentrum entwickelt, in dem vor allem britische, französische und US-amerikanische Kolonialmächte die Entscheidungsgewalt ausübten. Sie beherrschten ganze Stadtteile und nannten diese exterritorialen Viertel </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">International Settlement </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">und </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Concession francaise. </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Im November 1937 endete mit der Eroberung durch japanische Truppen endgültig die chinesische Souveränität. Für die nächsten Jahre bestimmten ausländische Staaten das Schicksal Shanghais und seiner Einwohner. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Gleichzeitig gerieten am anderen Ende der Welt jüdische Deutsche und Österreicher durch den nationalsozialistischen Terror in ihrer Heimat in zunehmende Bedrängnis. Auswanderungspläne reiften, doch die Zahl aufnahmewilliger Staaten blieb gering, Schikanen hingegen die Regel. Das von Kolonialmächten verwaltete Shanghai bot mit seinen liberalen Einreisebestimmungen eine Ausnahme.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Circa 18.000 Verzweifelte emigrierten vor diesem Hintergrund in die Stadt am Huangpu. Sie erreichten zumeist auf dem Schiffsweg eine Gemeinde, in der bittere Armut aber auch unerhörter Reichtum das Stadtleben prägten. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Das Gros der Neuankömmlinge fand im nördlichen Innenstadtbezirk Hongkou eine neue Bleibe. Hier gab es schon bald deutschsprachige Geschäfte und wer wollte, konnte in einem deutschsprachigen Kaffeehaus die von Exilanten herausgegebene Zeitschrift </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Gelbe Post</span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;"> oder die </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">SZ am Mittag, </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">die Shanghaier Zeitung am Mittag lesen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Während des Zweiten Weltkrieges eroberten japanische Militärs das gesamte Stadtgebiet. Japan war Verbündeter des Dritten Reiches und begann als solcher ein Ghetto für jüdische Flüchtlinge einzurichten. Den Bezirk Hongkou durften die so genannten </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Shanghailänder</span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;"> fortan nur in Ausnahmefällen verlassen, einen Massenmord mussten sie hingegen nicht fürchten. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Mit Kriegsende entschieden sich die meisten Deutschen und Österreicher für einen weiteren Neuanfang. Emigrationswege führten in den folgenden Jahren exemplarisch nach Australien, Israel, in die Vereinigten Staaten aber auch nach Deutschland. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Erreicht man heute Shanghai auf dem Luftweg und jagt im nächsten Schritt mit der Magnetschwebebahn Richtung Innenstadt, dann beschleicht einen die Vorahnung, allenfalls noch Spuren des deutschen Quartiers entdecken zu können: Hochhäuser soweit das Auge reicht. Stadtautobahnen, die wie Flüsse aus Beton einen schier unendlichen Hochhausdschungel durchqueren. Die hier lebenden 13 Millionen Einwohner bilden eine Megapolis, in welcher die alten Wohnquartiere mit ihren schmalen Straßen und kleinen ein- bis zweistöckigen Häusern nach und nach einem modernen Stadtbild weichen. Abrissobjekte werden mit entsprechenden Schriftzeichen markiert und lassen vor dem geistigen Auge neue Wohnviertel in den Himmel wachsen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Im Bezirk Hongkou stellt sich die Situation nicht anders dar. Doch gibt es Denkmalschutzbestrebungen im Bereich der Ohel Moishe-Synagoge. Tatsächlich wird das Gebetshaus aufwendig saniert. Die umliegenden Straßenzüge harren jedoch der Dinge. Sie erinnern mit ihren dunklen Steinfassaden und den Spitz zulaufenden Dächern teilweise an europäische Arbeiterviertel des vergangenen Jahrhunderts &#8211; beengtes Leben ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Ein alter Mann, der vor einem Kaufmannsladen unweit der Synagoge steht, berichtet von einem Wiener Cafe in einer benachbarten Straße. Spuren finden sind jedoch keine. Dafür fallen verblichene Werbetafeln für das Cafe Atlantic und den Imbiss Horn auf. Es sind letzte Relikte einer vergangenen Zeit. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Rabbi Abraham Greenberg aus dem Stadtteil Pudong gibt an, dass tatsächlich kein </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Shanghailänder </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">in der Stadt mehr leben würde. Zeitungsmeldungen zufolge sei der letzte in Shanghai verbliebene Exilant im Jahre 1982 gestorben. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Insofern hat die circa 2000 Köpfe zählende jüdische Gemeinde von heute kaum etwas mit den Flüchtlingen aus Mitteleuropa gemein. Sie besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus Geschäftsleuten und deren Familien. Annähernd 40 Prozent der Gemeindemitglieder stammen aus Israel. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Sie seien sehr froh, dass sie ihre Feste ohne Einschränkungen auch in der Öffentlichkeit feiern können, erklärt Rabbi Abraham Greenberg. Bezüglich politischer Statements gibt er sich erwartungsgemäß äußerst wortkarg. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Jede Zeit hat folglich ihre Geschichten und über die Geschichte der </span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Shanghailänder </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">stolpert</span><em></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">man mittlerweile außerhalb Shanghais &#8211; zum Beispiel in Kreuzberg.</span></p>
<p>Berlin, den 20. November 2007 / Erschienen in der Jüdischen Zeitung Dezember 2007 www.j-zeit.de/archiv/artikel.867.html</p>
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		<title>Auf sich allein gestellt</title>
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		<pubDate>Sat, 01 May 2010 12:34:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wirtschafts- und Finanzkrise Griechenlands trifft jüdische Gemeinden des Landes hart Zwischen Kreta und Thrazien gibt es seit Wochen nur ein Thema: Wie kommt das Land wieder aus der Krise? Wer ist für die Misere verantwortlich und wo muss gespart &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=72">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die Wirtschafts- und Finanzkrise Griechenlands trifft jüdische Gemeinden des Landes hart</span></h2>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Zwischen Kreta und Thrazien gibt es seit Wochen nur ein Thema: Wie kommt das Land wieder aus der Krise? Wer ist für die Misere verantwortlich und wo muss gespart werden? Die Preise steigen, staatliche Leistungen werden gekürzt und auf dem Arbeitsmarkt sieht es düster aus. Frau Perahia Zemour, Leiterin des Jüdischen Museums in Thessaloniki, bringt die Situation für ihr Haus auf den Punkt. «Die Zukunft unserer Einrichtung ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss.» Da die finanzschwache jüdische Gemeinde das Museum subventioniert, sind Einsparungen sehr wahrscheinlich. Frau Perahia Zemour ist eine der gerade einmal 5.000 Griechinnen und Griechen jüdischen Glaubens. Die meisten leben in Thessaloniki und Athen. Zudem gibt es in sechs weiteren Städten kleine jüdische Gemeinden.<span id="more-72"></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die jüdischen Einwohner Griechenlands sind eine äußerst unauffällige Gemeinschaft. Selbst in Thessaloniki, der Stadt mit einer herausragenden jüdischen Tradition, kennen nur wenige Menschen den Weg zum versteckt gelegenen Gemeindezentrum. Folglich fehlen auch jüdische Intellektuelle, die im Rampenlicht des öffentlichen Interesses stehen und zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise Stellung beziehen. Die Gemeinden versuchen vielmehr im Stillen, die Krise zu meistern. Eine Unterstützung des Staates gibt es nicht. Die Finanzierung des Gemeindelebens erfolgt hauptsächlich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und die ökonomische Verwertung jüdischen Immobilienbesitzes.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Der sei jedoch seit dem Holocaust massiv geschrumpft, betont David Saltiel. Der 63-jährige gebürtige Athener ist Präsident des Zentralrats der Juden Griechenlands. Für ihn ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit ein entscheidendes Symptom der Krise. Als vorsichtiger Analyst stellt er aber auch fest, dass die fehlenden beruflichen Perspektiven für die heranwachsende Generation in vielen europäischen Staaten ein Problem seien und nicht nur Griechenland betreffen würden.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Was ihn als griechischen Juden wiederum besonders an der aktuellen Situation beunruhige, sei das Anwachsen einer antisemitischen Stimmung im Land. Saltiel: «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten kommt es stets zur Suche nach den Schuldigen. Hier fällt der Blick schnell auf die Minderheiten oder auf diejenigen, die eine vermeintliche internationale Finanzoligarchie repräsentieren würden.» Gemeint sind in beiden Fällen die Juden. Und wie zur Bestätigung haben sich Anschläge auf jüdische Einrichtungen in den letzten Monaten gehäuft. Ein wiederholter Brandanschlag auf die Synagoge der kretischen Stadt Chania im Januar fand wegen der angerichteten Schäden sogar überregionale Aufmerksamkeit.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Rechtsextreme Verschwörungstheoretiker und Gewalttäter bilden zwar auch in Griechenland nur eine kleine Gruppe. Doch ein großer öffentlicher Aufschrei der Empörung blieb nach den verheerenden Attacken ebenfalls aus. «Wir griechischen Juden sind ein Teil des griechischen Volkes und es muss unterstrichen werden, dass wir loyal zu den Zielen des Staates stehen und auch immer standen», sagt David Saltiel. Er hofft bei der Vermittlung dieser Sichtweise sehr auf die Unterstützung des Staates und anderer gesellschaftlich einflussreicher Akteure.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die griechische Mehrheitsgesellschaft nimmt von den Sorgen des Zentralratspräsidenten allerdings kaum Notiz. Vielmehr diskutiert sie, wenn auch in abnehmenden Maße, das Verhältnis zu Deutschland. Deutsche Medienvertreter, Politiker und Ökonomen hatten die verfehlte griechische Wirtschaftspolitik, den vorherrschenden Klientelismus und die Korruption scharf kritisiert. Die Kommentare aus dem fernen Mitteleuropa erschienen bestenfalls arrogant und oberlehrerhaft. Reflexartig wurde, wenig originell, an die deutsche Besatzungszeit während des Zweiten Weltkrieges und ihre ökonomischen Folgen für Griechenland erinnert.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Auch unter jüdischen Griechen war die bilaterale Gereiztheit lange Zeit ein wichtiges Gesprächsthema. Gerade der Verweis auf die ökonomischen Schäden während der Besatzungszeit erinnerte viele von ihnen an das von jüdischen Familien geprägte Wirtschaftsleben zahlreicher Kommunen vor dem Einmarsch deutscher Truppen. Allerdings relativiert sich dieser Aspekt vor dem Hintergrund der Ermordung von 86 Prozent der griechischen Juden während des Krieges. Auch David Saltiel möchte nicht in die Diskussion einsteigen. Es sei vielmehr normal, dass Staaten in ihren bilateralen Beziehungen unterschiedliche Phasen durchlaufen würden und dies gerade in wirtschaftlichen Extremsituationen vorkomme. Für ihn sei das in die EU integrierte Deutschland trotz aller Misstöne der wichtigste Partner Griechenlands. Vielleicht gewinnt diese Sichtweise bald wieder Oberhand. Immerhin bedeutet das altgriechische Wort «Krise» im ursprünglichen Sinne ganz wertfrei «eine Meinung haben» bzw. «etwas beurteilen». </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;"><strong><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Juden in Griechenland</span></strong><span style="font-family: Arial,sans-serif;">  </span></span></p>
<p align="left"><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die sephardischen Juden sind die größte Gruppe der Juden Griechenlands. Sie wanderten ab dem 15. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel in das Gebiet des heutigen Hellas&#8216; ein. Daneben gibt es noch eine kleine Gruppe so genannter Romaniotes. Sie sind Nachfahren der alteingesessenen jüdischen Gemeinschaft. Heute leben ca. 5.000 Juden in Griechenland. Viele Überlebende des Holocaust emigrierten nach dem Krieg in Richtung USA und Israel. In Israel bestehen mehrere Gruppen, die noch heute griechisch-jüdische Traditionen pflegen. Die bekannteste Gemeinschaft ist die Vereinigung der griechischen Holocaustüberlebenden.</span></p>
<p align="left">
<p align="left">Berlin, 30. April 2010 / Erschienen in der Jüdischen Zeitung am 1. Mai 2010 www.j-zeit.de/archiv/artikel.2312.html</p>
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		<title>Der Stein des Tempels von Jerusalem</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2008 10:44:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Djerba]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Muslime]]></category>

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		<description><![CDATA[Jüdische Traditionen auf der afrikanischen Mittelmeerinsel Djerba Djerba: Die Vegetation dieser traumhaften Mittelmeerinsel ist geprägt von Palmen, Granatapfel- und Olivenbäumen. Feigenkakteen mit ihren stacheligen Früchten, den Kaktusfeigen, zieren die Wege. Das Klima ist mild und sonnig und die Strände laden &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=36">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Jüdische Traditionen auf der afrikanischen Mittelmeerinsel Djerba</span></h2>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Djerba: Die Vegetation dieser traumhaften Mittelmeerinsel ist geprägt von Palmen, Granatapfel- und Olivenbäumen. Feigenkakteen mit ihren stacheligen Früchten, den Kaktusfeigen, zieren die Wege. Das Klima ist mild und sonnig und die Strände laden zum Badeurlaub ein. Vor allem der nordöstliche Küstenstreifen hat lange Sandstrände.  <span id="more-36"></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">In der Antike war Djerba als «Insel der Lotosesser» bekannt. Von 1134 bis 1165 hielten die Normannen Djerba besetzt. 1154 schlugen sie einen Aufstand der Bewohner blutig nieder. Von 1524 bis 1551 war Djerba ein Hauptstützpunkt der türkischnordafrikanischen Korsaren unter Turgut Reis.<br />
</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die kleine jüdische Gemeinde der Insel feiert alljährlich das Lag-ba-Omer-Fest. Grund genug für uns, als Gäste des riesigen Festes auch das Zusammenleben von Juden und Muslimen zu betrachten. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Schon bei der ersten Besichtigung der zahlreichen Altstadtgassen, der in einem freundlichen Weiß gehaltenen und von gut 65.000 Menschen bewohnten Inselhauptstadt Houmt Souk, stellt sich uns unvermittelt ein Fremder in den Weg. Er trägt ein typisches Touristenoutfit, ist mit einer Kamera bewaffnet und wäre im Gedränge nicht weiter aufgefallen. Als er auf Anfrage erfährt, dass hier deutsche Medienvertreter über das jüdische Leben vor Ort berichten wollen, verschlechtert sich sein Gemütszustand. Ein grimmiger Blick trifft unseren lokalen Begleiter. Gereizt und in einem provokativen Ton will der Fremde von uns wissen, ob unser Betreuer unaufhörlich vom guten Verhältnis zwischen Juden und Muslimen schwadronieren würde. Auf die Gegenfrage, ob dem denn nicht so sei, gibt es keine glaubhafte Antwort. Sarkastisch behauptet der Mann im Touristenoutfit, Buddhist zu sein, um anschließend grußlos weiter zu ziehen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Tatsächlich wirkt auf Djerba vieles idyllisch. Ist es das auch wirklich? Die weiß getünchten Häuser mit ihren blauen Fensterrahmen und schattigen Innenhöfen versprühen eine mediterrane Leichtigkeit. Selbst die gigantischen Hotelanlagen, die insgesamt 42.000 Touristen aufnehmen können, ragen nie höher als die grazilen Palmen der Insel in den tiefblauen Himmel. Von Hektik auf den Straßen keine Spur. Freundliche Geschäftstreibende, die Gewürze, Souvenirs, Schmuck und Kleidung verkaufen und dabei nie aufdringlich wirken. Politischer Extremismus scheint hier völlig fehl am Platze. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Dennoch wird von offizieller Seite und bei jeder sich bietenden Gelegenheit, das harmonische Zusammenleben der beiden Religionsgemeinschaften betont. Liegt in der häufigen Wiederholung eine andere Botschaft versteckt? Die auffallende Polizeipräsenz auf der Insel scheint diese Vermutung zu bestätigen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Auf Djerba leben rund 1.200 der etwa 3.000 tunesischen Juden. Sie sind die Letzten der einstmal gut 105.000 Köpfe zählenden jüdischen Gemeinschaft, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein Leben in der Ferne suchte und vor allem nach Israel und Frankreich auswanderte. Dieser Aderlass ist vor dem Hintergrund einer 2.600 Jahre alten jüdischen Geschichte in der Region besonders bedauernswert. Die Juden Djerbas verstehen sich als Nachfahren jener Flüchtlinge, die infolge der Zerstörung Jerusalems durch Babylons König Nebukadnezar eine neue Heimat suchten und auf der Insel fanden. Dabei kamen sie in Kontakt mit lokalen Berberstämmen, von denen einige geschlossen zum Judentum konvertierten. Eine weitere Zuwanderungswelle folgte in der frühen Neuzeit. Auf der Iberischen Halbinsel forcierten die dortigen christlichen Monarchen die Vertreibung von Juden und Muslimen, woraufhin viele jüdische Spanier und Portugiesen auch in Nordafrika Zuflucht fanden. Als Händler und Schmuckhersteller gelangten einige von ihnen zu Reichtum und Ansehen. Auf Djerba waren es vor allem die jüdischen Gemeinden Hara Seghira und Hara Kebira, die ein reges Geschäftsleben entwickelten. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Mit der Epoche des Imperialismus fiel die Insel an französische Kolonialherren. Den Bewohnern war es fortan möglich, die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben, ein Grund mehr dafür, das tunesische Juden in der Folgezeit nicht nur bevorzugt nach Israel sondern auch nach Frankreich emigrierten. Eine solche Auswanderung ging mit politischen und ökonomischen Drangsalierungen in dem seit 1956 unabhängigen Tunesien einher. Ferner erzeugte der fortdauernde israelisch-arabische Konflikt Bedrohungsgefühle, denen sich zahlreiche tunesische Juden durch Emigration zu entziehen versuchten. In diesem Kontext sei daran erinnert, dass die PLO ihr Hauptquartier nach der Vertreibung aus dem Libanon in der tunesischen Metropole aufschlug.  </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Bedroht fühlt sich heutzutage anscheinend niemand mehr auf Djerba. Jüdische Gesprächspartner versichern wiederholt die große Zufriedenheit mit den Lebensumständen. Ihre muslimischen Nachbarn seien stets um einen freundschaftlichen Umgangston bemüht: «In Paris ignorieren sich Juden und Muslime. Auf Djerba ist so etwas nicht denkbar», behauptet eine mollige Frau im alten jüdischen Quartier von Houmt Souk. Wie zum Beweis deutet sie auf das angrenzende Haus. «Dort leben Muslime, mit denen wir uns im Alltag regelmäßig austauschen.» Während des Gesprächs gesellen sich bullige Sicherheitsbeamte in Zivil zu uns Journalisten. Nicht unbedingt der Indikator für ein entspanntes Zusammenleben im Viertel. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Mein muslimischer Interviewpartner in der Altstadt, Verkäufer von Bauchtanzmoden, betont freimütig, dass die Politik Israels gegenüber den Palästinensern endlich verändert werden müsse. Der dortige Umgang mit dem palästinensischen Volk sei auch für die Muslime Djerbas ein wunder Punkt. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Zusätzlich zum Nahostkonflikt ist die konservative Grundeinstellung vieler Inselbewohner verantwortlich dafür, dass die oft beschriebene Freundschaft zwischen Juden und Muslimen mir lediglich als reines Lippenbekenntnis erscheint. Eheschließungen zwischen den beiden Religionsgemeinschaften sind nicht erwünscht und kommen somit kaum vor. Höflichkeiten werden ausgetauscht, mehr nicht. Bei dem Besuch einer staatlichen Schule in der Inselhauptstadt wird dies mehr als deutlich: Ein jüdisches Mädchen berichtet, dass die Eltern ihr verbieten würden, Umgang mit muslimischen Altersgenossen außerhalb der Schule zu pflegen. Ein Einzelfall? Zwar bemüht sich die Schulleitung redlich, eine gemeinsame tunesische Identität, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, bei den Heranwachsenden zu wecken, muss allerdings eingestehen, dass Ressentiments in den Elternhäusern schwer zu beeinflussen sind. «Auf dem Schulgelände lassen wir nicht zu, dass zwischen muslimischen und jüdischen Kindern unterschieden wird. Für das, was später in den Elternhäusern diskutiert wird, können wir dann leider keine Verantwortung mehr übernehmen», bemerkt die Direktorin der Lehranstalt leicht resigniert. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Das Nebeneinander statt eines Miteinanders wird auch während des Laghba-Omer-Festes augenfällig. Bei einem stimmungsvollen Umzug von der Synagoge La Ghriba in den kleinen Ort Erriadh feiern die Pilger ausgelassen. Die muslimischen Nachbarn stehen dagegen zumeist stumm und mit ernsten Minen am Straßenrand. Andere gehen hinter Straßensperren der Polizei ihrem Tagesgeschäft nach und kümmern sich nicht um das Geschehen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Das Lag-ba-Omer-Fest selbst wird 33 Tage nach Passah gefeiert. Ausgangspunkt ist die Synagoge La Ghriba. Sie wurde im April 2002 Ziel eines blutigen Anschlages und kann daher erst nach drei Straßenkontrollpunkten und einer Sicherheitsschleuse betreten werden. Als eine der ältesten Synagogen der Welt besitzt sie eine für das Judentum zentrale Bedeutung. Daher reisen zum Lag-ba-Omer-Fest jährlich mehrere tausend Pilger aus Israel, ganz Europa und Nordamerika an. Der Präsident des «Comité de la Ghriba», der Dachorganisation der tunesischen Juden, Perez Trabelsi, spricht auf einer Pressekonferenz von 6.000 Besuchern, die er allein in diesem Jahr zum Fest erwarte. Für die Zukunft plane er jedoch eine höhere Zahl und thematisiert die Konzeption einer direkten Flugverbindung zwischen Tel Aviv und Djerba. Deutsche Juden würde er ebenfalls sehr gerne in La Ghriba begrüßen. Daher sei er nach Berlin gereist, um Werbung für die Synagoge und das Fest zu machen. Der Anschlag vom 11. April 2002, der mit 14 Opfern zuvorderst deutsche Urlauber traf, sei, seiner Meinung nach, lediglich ein «bedauerlicher Zwischenfall» gewesen, der überall auf der Welt hätte geschehen können. Dabei war ein Lastwagen, der mit 5.000 Litern Flüssiggas beladen war, gegen die Synagoge gerast und explodierte. Die tunesische Regierung sprach bei den Bildern, die seinerzeit um die Welt gingen, zunächst von einem Unfall, doch internationale Experten gingen sehr schnell von einem Terroranschlag aus. Drei Monate später bekannte sich Al-Qaida zu der Tat. Ein Gedenkort, der an die 21 Toten des Attentats erinnern könnte, findet sich übrigens bis heute nicht auf dem Gelände. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Stein des Tempels von Jerusalem, den die ersten Juden Djerbas vor zirka 2.600 Jahren bei ihrer Flucht mit sich geführt haben sollen. Diesen Stein platzierten sie an der Ostseite ihrer Synagoge, der bedeutendsten Afrikas. Elf gibt es insgesamt auf der Insel. In der heutigen Form ist La Ghriba allerdings ein Bauwerk aus dem Jahre 1920. Der wunderschöne Vorraum besitzt hellblaue Rundbögen, die eine freundliche Atmosphäre ausstrahlen. Im anschließenden Hauptraum fallen die zahlreichen Votivtäfelchen auf. Hier befindet sich der Eingang zu einer kleinen Höhle, in der während des Festes mit Namen beschriftete Eier platziert werden. Diese Zeremonie soll Glück bringen. Ferner werden Zettel mit Wünschen beschriftet und hinter eine Glaswand geschoben. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">La Ghriba, «die Wundertätige», ist nicht zuletzt Ort zweier Legenden. Die erste Erzählung berichtet von einer gutherzigen und von allen Bewohnern verehrten Frau. Eines Tages zerstörte ein Blitz ihre Behausung. Zur großen Überraschung der Nachbarn fanden sie ihren äußerlich unversehrten Leichnam in einem völlig ausgebrannten Heim. Eine zweite Schilderung erzählt vom Einschlag eines Meteoriten. Gleichzeitig sei eine mysteriöse Frau im Ort erschienen. Sie weissagte, dass der Schlüssel der Synagoge in Richtung Himmel fliegen würde, sollten die Juden jemals Djerba verlassen. Das zweitägige Lag-ba-Omer-Fest soll jedoch weniger an die beschriebenen Legenden erinnern, sondern vielmehr Rabbiner Shimon Bar Yashai würdigen, der vor über 400 Jahren starb. Temperamentvolle Musik begleitet die Versteigerungen von Stofftüchern, Blumen und anderen Gegenständen. Markstände sind aufgebaut und in der Synagoge wird Schnaps gereicht. In angeschlossenen Tavernen können es sich die Gäste gut gehen lassen, Fleischspieße und scharf gewürzte Würstchen brutzeln um die Wette. Immerhin gilt es, mehrere tausend Festgäste zu verköstigen, da liegt Volksfeststimmung in der Luft. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Zum Abschluss eines jeden Tages macht sich eine kleine Prozession auf den Weg zum rund einen Kilometer entfernten Gemeindezentrum von Erriadh, wobei eine der weltweit ältesten Thorarollen mitgeführt wird. Unter Begeisterungsrufen und mit Stoff und Blumenschmuck behangen, wird die Thorarolle zeitweise getragen, dann wieder auf einem kleinen Karren transportiert. Dies alles geschieht unter den wachsamen Augen der schon beobachteten stiernackigen Sicherheitskräfte. Die einen sind martialisch mit Maschinengewehr und Uniform ausgestattet, während die anderen dezent wie klischeehaft mit teurem schwarzen Anzug, Sonnenbrille und Knopf im Ohr das Geschehen begleiten. An größeren Kreuzungen werden Busse quer gestellt, die ein mögliches Autobombenattentat verhindern sollen. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Während dieser Prozession begegnen wir erneut dem grimmigen «Touristen», der uns in der Altstadt von Houmt Souk an der Nordküste der Insel angesprochen hatte. Er wirkt nun viel entspannter und gibt sich als tunesischer Jude zu erkennen, der nach Paris emigriert sei. Zwar lebe er nun in Frankreich, doch seine emotionale Heimat sei nach wie vor Djerba. Wehmütig gibt er uns zu verstehen, dass er sich ein Leben als Jude auf der Insel nicht mehr vorstellen könne. «Hier ist nicht alles so harmonisch, wie es der tunesische Staat gerne sehen würde.» Dann setzt er seine Sonnenbrille auf und verschwindet flugs im Gedränge. Der von fern her hallende Gebetsaufruf des Muezzins vermischt sich für eine kurze Zeit mit der fröhlichen Musik des Umzugs.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Berlin, den 01. Juni 2008 / Erschienen in der Jüdischen Zeitung Juni 2008 www.j-zeit.de/archiv/artikel.1232.html<br />
</span></p>
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		<title>Nachtzug nach Krakau</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Feb 2008 10:41:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Kurzurlaubern bietet die alte polnische Hauptstadt viel Spannendes – nicht nur im jüdischen Viertel. Einer der Wege nach Krakau führt über Berlin-Lichtenberg. Am dortigen Bahnhof wird der Nachtzug mit Endpunkt Kiew bereitgestellt. Wir entscheiden uns für diese klassische Variante, auch &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=33">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Kurzurlaubern bietet die alte polnische Hauptstadt viel Spannendes – nicht nur im jüdischen Viertel.</span></h2>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Einer der Wege nach Krakau führt über Berlin-Lichtenberg. Am dortigen Bahnhof wird der Nachtzug mit Endpunkt Kiew bereitgestellt. Wir entscheiden uns für diese klassische Variante, auch wenn sie beinahe zwölf Stunden Fahrtzeit und Rangiermanöver während der Nacht bedeutet. In Lichtenberg angekommen, wird prompt ein Klischee bedient: Mehrere Neonazis stampfen grölend in die Bahnhofshalle. Ein vom übermäßigen Alkoholkonsum gezeichneter Glatzkopf präsentiert bemüht stolz sein «White Pride»-Hemd und lässt bei dieser Gelegenheit auch noch einen schwarzen Schlagstock sehen. Sein Gebaren scheint einen Streit innerhalb der Gruppe auszulösen. Der findet einen Höhepunkt, als ein weiterer Glatzkopf ohne Vorwarnung dem national gesinnten Trinker mit einem einzigen Faustschlag dessen Bierflasche in der Hand zerschlägt. Wie das möglich sein kann, rätseln wir noch beim Einstieg in den Zug.<span id="more-33"></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Unser Wagon wird zum Glück von Menschen genutzt, die friedlich gestimmt sind: Deutsche, chinesische und polnische Sprachfetzen vermischen sich im Gang zu einem babylonischen Sprachenwirrwarr und rufen Erinnerungen an vergangene Interrail-Reisen wach. Die Abteile sind zwar eng und nicht besonders komfortabel, doch verströmen sie eine gewisse Gemütlichkeit. Nach einer durchgeschüttelten Nacht zeigt Krakau am nächsten Morgen seine Bilderbuchseite: Blauer Himmel bei knackig kalten Temperaturen um die minus fünf Grad Celsius.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Die für den Erstbesuch interessanten Viertel sind vom Hauptbahnhof allesamt innerhalb eines kurzen Fußmarsches erreichbar. Wir entscheiden uns für ein günstiges Hotel im jüdisch geprägten Stadtteil Kazimierz. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">In der einstmals selbstständigen Gemeinde fallen zahlreiche Synagogen auf. Von diesen dient allerdings nur noch ein unscheinbares Gebäude seiner Bestimmung als Gotteshaus. Die prächtige «Alte Synagoge» beherbergt beispielsweise ein Museum, während die unweit gelegene «Tempel Synagoge» für Konzerte genutzt wird. An verwitterten Fassaden finden sich noch immer verblichene Werbehinweise jüdischer Gewerbetreibender. Das Viertel lädt daher zu einer Spurensuche ein, zumal mehrere Straßenzüge noch immer der behutsamen Sanierung harren und die Zeit hier und dort still zu stehen scheint.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkrieges erlosch das jüdische Leben Krakaus beinahe komplett. Unter den wenigen Überlebenden befand sich der spätere Regisseur Roman Polanski, der im südlich der Weichsel gelegenen Stadtteil Podgórze aufwuchs. Dort richteten die damaligen Machthaber das Ghetto Krakau ein. In unmittelbarer Nachbarschaft besaß wiederum Oskar Schindler seine Emaille-Fabrik. Die durch Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» bekannt gewordene Anlage «Emalia» in der Lipowa Straße soll in diesem Jahr mit einem Informationszentrum ausgestattet werden. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Besonders traurig stimmt wiederum eine Mauer auf dem Neuen Jüdischen Friedhof von Kazimierz. Sie besteht aus Grabsteinen, die von den nationalsozialistischen Besatzern als Straßenpflaster bestimmt worden waren. Das Schicksal der vom NS-Apparat verfolgten Menschen und die Zerstörung ihrer Kulturgüter macht es daher unbegreiflich, dass ausgerechnet in Kazimierz Schmierereinen von an Galgen hängenden Davidsternen auffallen. Hierfür scheinen Anhänger der beiden lokalen Fußballclubs «Wisla» und «Cracovia» die Verantwortung zu tragen. Häuserwandgraffiti in der Nähe, die einen Bezug zur Fußball-Fanszene aufweisen, lassen dies vermuten.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Während das im sozialistischen Krakau vernachlässigte und düster wirkende Kazimierz erst in den vergangenen Jahren eine Renaissance erfuhr, galt die Altstadt schon immer als die gute Stube der Stadt. Sie wird von einem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Marktplatz dominiert, der gewaltige 40.000 Quadratmeter misst. In seiner Mitte thront eine Tuchhalle aus dem 16. Jahrhundert. Hier lassen sich all die liebenswerten und doch so unwichtige Dinge des täglichen Lebens erwerben, von Holzschwertern bis zu Schachspielen. Ein weiteres, den Marktplatz bestimmendes Bauwerk, bezeichnet die imposante Marienkirche, die einen nicht weniger imposanten Hochaltar aus dem 15. Jahrhundert ihr Eigen nennt. Dieser gilt als ein Meisterwerk spätgotischer Kunst und wurde vom damaligen Bildhauergenie Veit Stoß erstellt. Weilt der Besucher zur vollen Stunde vor der Marienkirche auf dem Marktplatz, dann kann er ferner das aus dem Mittelalter stammende und damit älteste regelmäßig vorgetragene Musikstück der Welt auf sich wirken lassen. Es handelt sich dabei um ein Trompetensignal, das ein Trompeter von einem der beiden Marientürme bläst. Sein abruptes Ende fällt auf und provoziert Fragen. Einer Legende zufolge soll das Signal ursprünglich ein Warnsignal vor angreifenden Tartaren gewesen sein: Der tapfere Stadt-Trompeter spielte es so lange, bis ihm ein tödlicher Pfeil den Hals durchbohrte. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Überhaupt ist Krakau reich an Legenden und daher verwundert es kaum, dass die zahlreichen und unermüdlich gurrenden Tauben im Altstadtbereich verzauberte Ritter sein sollen. Wäre an der Geschichte etwas dran, dann müssten sich die Tiere primär auf dem benachbarten Wawel</span><em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">, </span></em><span style="font-family: Arial,sans-serif;">einem Hügel mit einer dazugehörigen Burganlage, einfinden. Von hier aus regierten die polnischen Könige über mehrere Jahrhunderte ihr Land. Das gesamte Areal gilt als eine der weltweit schönsten Burganlagen. Sie hat, auch wenn das auf Anhieb nicht ersichtlich ist, selbst für Hindus eine mehr oder weniger zentrale Bedeutung: Deren Gott Shiva schleuderte vor Urzeiten sieben magische Steine auf die Erde, wobei einer im südlichen Polen bei der Burganlage einschlug. Ist es nicht auch wahrscheinlich, dass ein Drache namens Smog in grauer Vorzeit in dem Höhlensystem unter der Burg hauste? Dies ist eine weitere Legende, mit der das altehrwürdige Krakau aufwarten kann. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Sollten mein Besichtigungsprogramm und die zahlreichen Stadtgeschichten hungrig gemacht haben, dann bieten sich Bagel als kleine Zwischenmalzeit an. Die runden Backwaren wurden erstmals hier, im Krakau des 17. Jahrhunderts, hergestellt. Für den großen Hunger zieht es uns wieder nach Kazimierz. Dort werben mehrere Restaurants mit Klezmer-Musik. Wir entscheiden uns schließlich für ein Konzert des Jascha Liebermann Trios: Beschwingt und mit eingängigen Melodien im Ohr steigen wir am nächsten Abend wieder in den Zug nach Berlin-Lichtenberg.</span></p>
<p>Berlin, den 25. Februar 2008 / Erschienen in der Jüdischen Zeitung Februar 2008 www.j-zeit.de/archiv/artikel.957.html</p>
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		<title>Das verborgene «Jerusalem des Balkans»</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Aug 2007 10:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Alexander]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Salonikis kleine jüdische Gemeinschaft kämpft um die Erinnerung Anfang des Jahres, am 28. Januar 2007, beging die nordgriechische Hafenstadt Thessaloniki den alljährlichen Holocaust-Gedenktag. Politiker und Vertreter der jüdischen Gemeinde pilgerten zum Denkmal für die ermordeten Juden der Stadt. Sie legten &#8230; <a href="http://www.jossifidis.de/?p=19">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Salonikis kleine jüdische Gemeinschaft kämpft um die Erinnerung</span></h2>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Anfang des Jahres, am 28. Januar 2007, beging die nordgriechische Hafenstadt Thessaloniki den alljährlichen Holocaust-Gedenktag. Politiker und Vertreter der jüdischen Gemeinde pilgerten zum Denkmal für die ermordeten Juden der Stadt. Sie legten Kränze nieder, hielten Reden und stellten fest, dass die Einwohnerschaft auch in diesem Jahr wenig Interesse zeigte. Dabei war Thessaloniki noch vor hundert Jahren eine hauptsächlich von jüdischem Leben geprägte Stadt. Auswanderungsbewegungen und Deportationen während des Zweiten Weltkrieges beendeten dieses Kapitel der Stadtgeschichte. Eine kurze Spurensuche: «Hier gleich links befindet sich die Synagoge. Ich kenne die Gegend. Hier habe ich als Kind gewohnt und in den Straßen gespielt.» Der hilfsbereite ältere Herr mit den grauen Haaren und der modischen Brille führt zielsicher zur unscheinbaren und von einem Polizisten bewachten Synagoge. Sie liegt in der Syngrou-Straße, im geschäftigen Zentrum Thessalonikis. Es ist Schabbat, und dennoch finden sich keine Beter ein. «Die Synagoge wird nur noch sporadisch genutzt, beispielsweise an den Hohen Feiertagen», erklärt der freundliche Polizist vor dem Hauptportal und legt für ein paar Minuten seinen Roman beiseite. Wir stehen vor einer der drei verbliebenen Synagogen der Stadt. Vor dem Zweiten Weltkrieg repräsentierten 40 Gebetshäuser das jüdische Gemeindeleben. Sie sind weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Der Schutzmann empfiehlt den Besuch des nahe gelegenen Gemeindezentrums. Eine genaue Adresse kann er allerdings nicht angeben und diesbezüglich stößt auch die Ortskenntnis des netten älteren Herrn an ihre Grenzen. <span id="more-19"></span></span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Tatsächlich liegt das Gemeindezentrum versteckt im ersten Stock oberhalb einer wenig einladenden Einkaufspassage nur ein paar Häuserblöcke entfernt. Es ist über die Tsimiski-Straße 24 erreichbar, der Zugang ebenfalls von Polizisten gesichert. Hier arbeitet David Saltiel, ein Mann mit gepflegtem, grauem Schnurrbart. Er ist Präsident der Gemeinde, welche mittlerweile nur noch circa 1000 Personen zählt. Sie fallen in einer Stadt, die in ihrem Ballungsraum annähernd eine Million Menschen ausweist, kaum ins Gewicht. Eine Sekretärin überreicht eine zweisprachige Broschüre, die über die jüdische Geschichte Thessalonikis informiert. Sie erzählt von einer Bevölkerungsgruppe, die bis zum Ersten Weltkrieg über 60.000 Personen umfasste und damit sowohl die türkische als auch die griechische Einwohnerzahl übertraf. Sie berichtet aber auch von Deportationen während des Zweiten Weltkrieges, als die Wehrmacht gemeinsam mit der SS circa 46.000 jüdische Bewohner Thessalonikis in die nationalsozialistischen Konzentrationslager verschleppte. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">«Der Holocaust ist ein zentraler Punkt unserer Geschichte», betont David Saltiel, den folgerichtig der wachsende Antisemitismus in der Stadt beunruhigt. Besonders entsetzt reagierte das Gemeindezentrum auf eine Demonstration vor genau einem Jahr, am 1. August 2006. Israel befand sich im Krieg mit der Hisbollah. Die Medien sprachen von einem israelischen Angriffskrieg. In der Stadt dominierten antiisraelische beziehungsweise antijüdische Ansichten. Eine inhaltliche Trennlinie wurde nicht mehr gezogen, als an jenem Dienstag im August aufgebrachte Demonstranten das Denkmal für die ermordeten Juden Thessalonikis stürmten. Randalierer beklebten es mit Fotografien, die zivile libanesische Opfer des israelischen Feldzuges zeigten. In der Tsimiski-Straße 24 formulierte man prompt ein Protestschreiben. Gemeindevertreter wiesen in Presseerklärungen darauf hin, dass die mit dem Denkmal geehrten Toten des Holocausts in keinem Zusammenhang mit den aktuellen Krisen im Nahen Osten stehen. «Wir sind Griechen und wir waren immer Griechen!» gibt David Saltiel zu bedenken. Er verweist auf die unzähligen griechischen Soldaten jüdischen Glaubens, die in vergangenen Kriegen für Griechenland gestorben seien. Doch hatten die Juden Thessalonikis tatsächlich stets eine griechische Identität? Der griechische Staat ist schließlich noch sehr jung.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Wenige hundert Meter vom Gemeindezentrum entfernt, befindet sich das Jüdische Museum der Stadt. Es liegt in der kaum befahrenen Agiou-Mina-Straße. Ein wachhabender Polizist dient auch hier als Anzeiger für eine jüdische Einrichtung. Der klassizistische Bau aus dem Jahre 1904 beherbergte ursprünglich die regionale Dependance der Attika-Bank und Büroräume der jüdischen Zeitung «L‘Independent», welche in französischer Sprache erschien. Die umtriebige Leiterin des Museums stellt sich als Erika Perahia Zemour vor, wobei ihr Nachname bereits auf die Besonderheit der jüdischen Gemeinde Thessalonikis verweist. Ihre Mitglieder sind zu einem überwiegenden Anteil Nachfahren spanischer und portugiesischer Juden. Diese flüchteten im 15. Jahrhundert in das Osmanische Reich, nachdem die Katholischen Könige der Iberischen Halbinsel ihre Vertreibung initiiert hatten. Zentraler Anlaufpunkt in der neuen Heimat bildete die weitgehend entvölkerte Hafenstadt Thessaloniki, eine Stadt, die sich nur mühsam von ihrer osmanischen Eroberung aus dem Jahre 1430 erholte. Die Sultane erhofften sich durch die Ansiedlung der so genannten sefardischen Juden eine Revitalisierung des strategisch günstig gelegenen Ortes. Ihren Ansiedlungsofferten folgten schließlich 20.000 Vertriebene, welche fortan das ökonomische Rückgrat Thessalonikis stellten. Zusätzlich erblühte das kulturelle Leben der Stadt, und die religiöse Gelehrsamkeit zahlreicher Synagogen-Gemeinden fand europaweite Beachtung. Ein Grund für den inoffiziellen Beinamen «Jerusalem des Balkans», den die Stadt im 17. Jahrhundert trug. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Als vorherrschende Sprache innerhalb der Stadtmauern setzte sich allmählich das Judenspanische oder Ladino durch. Eine Sprache, die heutzutage nur noch von wenigen Einwohnern beherrscht wird. Frau Perahia Zemour gibt an, dass ihre Großmutter diese Sprache benutzte. Sie selbst musste sich Ladino als eine Zweitsprache mühsam erschließen. «Die Menschen interessieren sich überhaupt nicht für die jüdische Vergangenheit Thessalonikis.» Die Museumsleiterin kann ihre Enttäuschung hierüber kaum verhehlen. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass der Niedergang der sefardischen Gemeinde bereits vor der Deportation nach Auschwitz unter deutscher Besatzung einsetzte? Es war ein schleichender Prozess, der im Jahre 1913 begann, als die Stadt infolge zweier Balkankriege an den griechischen Nationalstaat fiel. Während die jüdische Einwohnerschaft in osmanischer Zeit eine kulturelle Autonomie genossen hatte, sah sie sich in der Folgezeit einem von Athen aus gesteuerten Assimilierungsdruck ausgesetzt. Kriegsbedingte Flüchtlingsströme veränderten zudem das Stadtbild. Die moslemische Einwohnerschaft wanderte ab und wurde durch griechische Flüchtlinge ersetzt. Diese zumeist mittellosen Neuankömmlinge stellten in den dreißiger Jahren die Hälfte der Bevölkerung. Armut, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit prägten Thessaloniki und entluden sich 1931 in anti-jüdischen Ausschreitungen. In einem solchen Klima hielt sich der griechische Patriotismus unter den sefardischen Juden Thessalonikis in verständlicherweise überschaubaren Grenzen. Die Zahl jüdischer Auswanderer stieg kontinuierlich und der Glanz vergangener Tage verblasste stetig.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial,sans-serif;">Frau Perahia Zemour zeigte sich zum Abschied kämpferisch. «Thessaloniki begeht den Holocaust-Gedenktag auch 2008 am 28. Januar und damit einen Tag nach den Feierlichkeiten im übrigen Griechenland. Einige Schulklassen dürften so in diesem Kontext wieder den Weg in das Jüdische Museum unserer Stadt finden. Doch es ist noch viel Arbeit nötig, um den Einwohnern die jüdische Vergangenheit ihrer Stadt näher zu bringen.» Das engagierte Auftreten der Museumsleiterin lässt vermuten, dass ihr dieses Vorhaben zumindest ein Stück weit gelingen wird.</span></p>
<p>Thessaloniki, 1. August 2007 Erschienen in der Jüdischen Zeitung www.j-zeit.de/archiv/artikel.644.html</p>
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